„Die Zeit der digitalen Plattformen, deren Geschäftsmodell das reine Vermitteln von Angebot und Nachfrage darstellt,ist vorbei“, glaubt Olaf Rathgeb. Der CTO von Fr. Meyer’s Sohn (FMS) hat selbst frühzeitig eine Plattform für das Supply-Chain-Management (SCM) für die Kunden des weltweit tätigen Speditionsunternehmen aufgebaut und damit Potenziale erschlossen. Wenn er heute sagt, dass die nächste Stufe der Digitalisierung nicht mehr Plattformen, sondern agentische Netzwerke sind, die auf autonome und intelligente Weise Daten- und Workflow Ökosysteme bilden, lohnt es sich, ihm zuzuhören.
Für den Technologieexperten ist dennoch nicht ausgemacht, dass dieser Trend auf breiter Basis erfolgreich wird. Denn die Logistik-IT zeige gegenläufige Trends: Auf der einen Seite stehen Legacy-Systeme und uneinheitliche Digitalisierungsstandards, auf der anderen Seite die Anforderungen von KI an saubere Datenstrukturen und Prozesse. Dass FMS selbst all das bewältigen kann, liegt auch an einer Entscheidung, die das Unternehmen vor über 15 Jahren traf.
Die Grundlage: eine Software, die mitwächst
FMS hat sein Kernsystem „Seastep“, mit dem die Mitarbeiter von FMS die Transporte im Auftrag der Kunden abwickeln, von Anfang an – mit Unterstützung der HEC – selbst entwickelt. „Das würde ich jederzeit wieder so machen“, sagt Olaf Rathgeb. „Wir haben ein sehr auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenes System mit hoher Flexibilität und dadurch eine sehr gute Unterstützung unserer Anforderungen.“ Der Vergleich mit Wettbewerbern, die auf Standardsoftware setzen, fällt für ihn eindeutig aus: „Man kriegt zurückgespiegelt, dass es teilweise sehr schwer ist, eigene Anforderungen zeitnah umgesetzt zu bekommen. Das Problem haben wir nicht.“
Die frühe Entscheidung für Individualsoftware erleichtert aufgrund der hohen Flexibilität die technische Integration neuer Einheiten. Neben organischem Wachstum hat FMS in den vergangenen Jahren mehrere Zukäufe integriert. Betroffen sind dabei nicht nur operative Prozesse, sondern mitunter auch komplette Geschäftsmodelle, Logistikprodukte oder kundenspezifische Individuallösungen der zugekauften Unternehmen, die nicht einfach aufgegeben werden können.
Die über Jahre gepflegte IT-Substanz von FMS ist mittlerweile selbst zu einem Pluspunkt bei Akquisitionsgesprächen geworden: „Weil wir über Jahre in die IT investiert haben, ist sie heute wirklich auf einem Stand, wo sie als großes Asset wahrgenommen wird“, so Rathgeb. Für kleinere Firmen ohne eigene umfassende IT-Ressourcen sei dies „eine gute Gelegenheit, ihre operative Exzellenz auf eine gute IT-Basis zu stellen“.
Transparenz als Strategie für Resilienz – und fürs Geschäft
Ein weiteres gutes Argument ist die firmeneigene SCM-Plattform „Cruise Control“, die auf den Daten des zentralen Speditionssystems Seastep aufbaut. Wenn Störungen und Krisen die Lieferketten immer häufiger unter Druck setzen, müssen Speditionen schnell umplanen können. Dafür ist Transparenz entscheidend: „Wo sind meine Waren? In welchem Abfertigungsstand befinden sie sich, und welche Möglichkeiten des Eingriffs habe ich?“ Diese Fragen werden dem Kunden durch Cruise Control beantwortet.
Erst auf Basis dieser Transparenz lassen sich Kunden proaktiv informieren oder Alternativtransporte organisieren. Die dafür nötige digitale Unterstützung liefert die Plattform. FMS hat Cruise Control inzwischen auch für Transporte geöffnet, die gar nicht über FMS selbst laufen. Der Grund dafür ist, dass sich oft mehrere Teilnehmer mit unterschiedlichen Systemen an einem Auftrag beteiligen: „Solche Lösungen fallen immer auf den größten gemeinsamen Nenner zurück. Und das sind ansonsten oftmals E-Mail und Excel“, sagt Olaf Rathgeb.
FMS hat sich deshalb dafür entschieden, einen Mehrwert zu liefern, der über die eigene Transportbeauftragung hinausgeht, und das datenschutzkonform abgesichert. Die Resonanz gibt der Strategie recht: „Das nutzen zunehmend Kunden, weil sie sagen: Das ist ja toll, dann haben wir eine einfache Digitalisierungsmöglichkeit.“ Ein doppelter Gewinn für FMS, wie Rathgeb einräumt: „Oft kommen wir über Transportdienstleistungen ins Gespräch über Digitalisierung – und manchmal ist es genau umgekehrt.“














